Heimat, 2003
Die Serie Heimat entstand im Rahmen der Ausstellung Die Architektur der Obdachlosigkeit in der Pinakothek der Moderne in München.

Alex Rühle, Süddeutsche Zeitung:
Tolstoj schrieb gegen Ende seines Lebens, alles, was ein Mensch brauche, sei ein Stück Acker, so groß, dass sein Sarg hineinpasse. Was aber braucht der Mensch zu Lebzeiten? Was braucht derjenige, der sich dazu gezwungen sieht, umsonst und draußen zu leben? Der Berliner Fotograf Wolfgang Bellwinkel hat sich für seine Installation “Heimat” mit dem paradox klingendem Titel der Ausstellung auseinandergesetzt: “Dem Duden zufolge ist Architektur der nach den Regeln der Baukunst gestaltete Aufbau eines Gebäudes. Danach wäre selbst die improvisierte Hütte aus Brettern und Abfällen Architektur”, schreibt er im Katalog. “Solche Unterkünfte sind mir nicht begegnet. Was ist dann Architektur? Umbauter Raum? Auch diese Deutung war unzureichend, eine Parkbank ist kein umbauter Raum. Reduziert man allerdings Architektur auf das “den Menschen von der Umwelt Trennende”, erhält man eine funktionierende Definition.”
Bellwinkel hat das Basismaterial jedes Obdachlosen fotografiert, Matratzen, Isomatten, Schlafsäcke. Sechs hochformatige Fotografien, angeordnet zu zwei Triptycha, bilden einen verschmutzten Spiegel der bürgerlichen Welt. Der verschlissene Steppschlafsack, der mit seinem biedermeierlichen Blümchenmuster in der Großaufnahme an eine Tapete erinnert; der eingerissene Matratzenbezug mit seiner bunten Musterung: Die Gegenstände zeigen Spuren der augenblicklichen Nutzer, den Dreck der Straße, Schweiß und Tränen, erinnern in den verschossenen Mustern und Farben aber auch an das verblichene (klein-)bürgerliche Vorleben der Obdachlosen.

Stefan Kraft, Der Tagesspiegel:
Der Berliner Fotograf Wolfgang Bellwinkel hat die Matrazen Münchener Obdachloser abgelichtet. In der Ausstellung “Architektur der Obdachlosigkeit” der Münchener Pinakothek der Moderne stehen sie buchstäblich im Zentrum… Der herausragende Platz ist berechtigt. Seine Fotos der Schlafaccessoires demonstrieren wie kein anderes Werk die paradoxe Stärke der Fotoschau. Die Bilder wirken gerade dann am intensivsten, wenn sie von den Menschen selbst absehen…Bellwinkels aseptisch saubere Matrazenbilder etwa scheinen das obdachlose Leben zu ästhetisieren. Mustert der Betrachter die Hochglanz-Oberflächen jedoch genauer, entdeckt er auf den Matrazen etwas anderes, sein Spiegelbild.

Wieland Freund, Die Welt:
…verdeckt das Papier nicht ihn, sondern die Welt vor seinen Augen. Der Fotograf Wolfgang Bellwinkel hat dieses Prinzip wie kein anderer der Ausstellenden verstanden. Seine Arbeiten zeigen nur noch die Decken, Schlafsäcke, Matratzen und Matten der Obdachlosigkeit: Hinter tausend Mustern keine Welt.
Der Duden definiert Architektur als den “nach den Regeln der Baukunst gestalteten Aufbau eines Gebäudes”. Das allerdings führt zu viele Stockwerke hinauf. Bellwinkel plädiert deshalb für eine andere Definition. Architektur, schlägt er vor, sei “das den Menschen von der Umwelt Trennende”. “Heimat” hat Bellwinkel seine Bilderserie überschrieben. Und Heimat ist, wo die Welt nicht ist.

Ira Mazzoni, TAZ:
Mit den im Studio gefertigten Nahaufnahmen der Lebensgrundlage Obdachloser entzieht sich Bellwinkel bewusst dem Genre der Sozialreportage. Auch wenn er Details der Privatsphäre zeigt, ist in der Ausschließlichkeit des Motivs jeder Voyeurismus vermieden.

Wolfgang Bellwinkel, 2003
Meine Auseinandersetzung mit dem Thema Obdachlosigkeit hat mich gelehrt, dass die meisten Obdachlosen- zumindest in München – in gewisser Weise sesshaft sind und durchaus einen festen Ort “bewohnen”, den sie selten wechseln. Um jedoch als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft anerkannt zu werden, reicht der dauerhafte nächtliche Aufenthalt an einem festen Ort nicht aus. Man braucht eine Wohnung. Hat man keine, ist man obdachlos. Obdachlosigkeit umschreibt somit das Fehlen eines eigenen umbauten Raums, den man besitzt oder mietet. Dieser beim Grundbuchamt registrierte Raum verfügt über eine Adresse. Juristisch gibt es eine direkte Verknüpfung zwischen Mensch und Raum, das nennt man Meldeadresse. Dem Duden zufolge ist Architektur “der nach den Regeln der Baukunst gestaltete Aufbau eines Gebäudes”. Danach wäre selbst die improvisierte Hütte aus Brettern und Abfällen Architektur. In München sind mir solche Unterkünfte jedoch nicht begegnet. Die oben genannte Definition ist, auf die Thematik der Ausstellung übertragen, wenig hilfreich. Was ist dann Architektur? Umbauter Raum? Auch diese Deutung war hier unzureichend, denn eine Parkbank ist kein umbauter Raum. Reduziert man allerdings Architektur auf das den “Menschen von der Umwelt Trennende” erhält man eine funktionierende Definition. Infolgedessen fotografiere ich Matratzen, Decken, Schlafsäcke und Isomatten, Gegenstände die den Körper des Schlafenden vom Boden und der kalten Luft trennen und damit Überleben sichern. Ich löse diese Objekte aus ihrem Umfeld, zeige Oberflächen als Spiegel der bürgerlichen Welt, der sie einst dienten, zeige Spuren der augenblicklichen Nutzer.

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